Besinnung und Gebet Palmsonntag 05. April 2020

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Evangelische Kirchengemeinde Uhingen

Besinnung für Palmsonntag, 5. April 2020 Download

Wochenspruch:Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle,die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ Johannes 3,14+15

Bibeltext zur Fastenaktion „Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus“ aus dem Lukasevangelium 12, 22-28: „Sorge dich nicht!“

Er sprach aber zu seinen Jüngern: Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um das Leben, was ihr essen sollt, auch nicht um den Leib, was ihr anziehen sollt. Denn das Leben ist mehr als die Nahrung und der Leib mehr aIs die Kleidung.

Seht die Raben: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie haben keinen Keller und keine Scheune, und Gott ernährt sie doch. Wie viel mehr seid ihr als die Vögel!

Wer ist unter euch, der, wie sehr er sich auch darum sorgt, seiner Länge eine Elle zusetzen könnte? Wenn ihr nun auch das Geringste nicht vermögt, warum sorgt ihr euch um das Übrige? Seht die Lilien, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch aber, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras, das heute auf dem Feld steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wie viel mehr wird er euch kleiden, ihr Kleingläubigen!

                                    

                              

Besinnung

Liebe Gemeinde,

wie aus der Zeit gefallen klingt das  - und doch so nah: „Sorge dich nicht!“ In den Worten Jesu, die uns aus der Bergpredigt in Matthäus 6 bekannt sind, klingt das so: „Sorgt euch nicht um das Leben, was ihr essen sollt, auch nicht um den Leib, was ihr anziehen sollt. Denn das Leben ist mehr als die Nahrung und der Leib mehr aIs die Kleidung.“

Sich nicht sorgen, in diesen Tagen der Pandemie, in denen ein kaum greifbares Virus, das noch nicht einmal wirklich ein „Lebewesen“ ist, das gesamte Leben umkehrt? In einer Phase, in der Schutz-‚Kleidung‘ hinten und vorne fehlt?  In einer Zeit, in der etwas, das aus dem Mikrokosmos kommt, unglaublich klein, den ganzen Makrokosmos außer Kraft setzt  -  und lahmlegt? Und so wurden die meisten von der Extrovertiertheit in die „Einkehr“, aus höchster Aktivität hinein in eine äußere Passivität gedrängt. „Das war so etwa wie eine Vollbremsung bei ca. 200 km/h“ versucht ein Wissenschaftler das auf den Punkt zu bringen. Uns allen ist immer noch schwindlig ob dieser gewaltigen Veränderung größten Ausmaßes. „Undenkbar noch vor wenigen Tagen!“, rufen wir uns aus der Teil-Isolation gegenseitig entgegen. Und wundern uns darüber, dass „es geht“, dass wir offensichtlich doch so leben können: Langsamer, zurückgezogener und mit (in vielem:) „weniger“ statt „mehr“. Weniger Bewegungsspielraum, weniger Kontakte, weniger äußere Aktivität. Und, bei allen wirtschaftlichen Existenzsorgen sehr vieler Menschen, stellen viele erstaunt fest: Doch, ja  - auch das ist „Leben“.

 

Aber es gibt auch die anderen Erfahrungen:

  • Menschen, die allein leben (müssen) und sich jetzt sehr viel einsamer fühlen als sonst, denen der soziale Lebensraum beim Einkaufen fehlt, Seniorinnen und Senioren, die ihre Kinder und Enkelkinder schmerzlich vermissen - und Familien, die selbst auf engstem Raum an absolute Grenzen ihres Miteinanders  stoßen.

  • Pfleger und Ärztinnen, die noch vor der größten ‚Welle‘ von Erkrankungen an oberste Grenzen ihrer Kraft stoßen  - und ‚darüber hinaus‘ gehen, über ihre Kräfte arbeiten, gemeinsam als Team aufs Engste verbunden - und dabei über sich hinauswachsen

  • Andere Länder dieser Welt, aber auch uns oft fremde Orte und Bereiche des Lebens in Deutschland, die der Gefahr noch sehr viel ungeschützter ausgesetzt sind als wir -  Obdachlose und Nichtsesshafte, denen die Anlaufstelle fehlt, und die ihren gewohnten Tagesverkauf komplett verlieren, weil alles ‚zu‘ ist

  • Betriebe und Kleinunternehmen, oft als erzwungene „Ich-AG’s“, denen schon in der zweiten Woche die normalen Einnahmen ausgehen - und somit schlicht die „Luft“ zum Weiterexistieren fehlt....

Und da sagt Jesus mitten hinein:  

„Seht die Lilien, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch aber, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.“

 

In unserem Pfarrgarten breitet sich gerade ein wahrer Teppich von Primeln aus  -  jedes Jahr werden es ein paar mehr: Wunderbar leuchtende, kleine Blumen. Auch Narzissen leuchten einem entgegen, wenn man den Garten betritt. Und auf manchen Wiesen sind schon Schlüsselblumen, Veilchen und Gänseblümchen zu sehen. Im Wald duftet der Bärlauch, riechen die Buschwindröschen und das Immergrün...

Ein Reichtum breitet sich derzeit in der Natur aus, der in krassem Gegensatz zu unseren aktuellen großen „Sorgen“ steht. Denn, so halten wir Christus entgegen: wer sich gar nicht „sorgt“, wer eben nicht sorgsam mitdenkt und aufmerksam lebt, der wäre unverantwortlich sehr vielen gegenüber!

Umgekehrt: Wir spüren es gerade überdeutlich, bei allem Wissen und Können unserer Zeit: Unserer „Spanne“, unserer Lebenslänge können wir selbst nichts wirklich hinzusetzen, wie Jesus sagt.  Und weiter: Wenn ihr nun auch das Geringste nicht vermögt, warum sorgt ihr euch um das Übrige?“  

 

Wir merken derzeit: Als Menschen wissen wir viel zu wenig - und kommen an unsere Grenzen. Aber Jesus meint auch: „Wie viel mehr seid ihr...!“ Jedes Leben ist jeglichen Einsatz wert, unbegrenzt.

Doch es ist ein Unterschied zwischen „Sorgen haben“ und „Sich Sorgen machen“. Es besteht ein Abstand zwischen nüchterner Für-Sorge für sich und andere  - und angstvoller Panik, in die man rasch gerät und hineingetrieben wird.

Ja, es lohnt sich, nicht nur permanent die neuesten Nachrichten zu hören, in denen manches diskutiert wird, was morgen schon wieder vergessen ist. Es ist wertvoll, in diesen Tagen ab und an das zu nutzen, was wir alle dürfen: Die „Raben“ zu sehen und die „Lilien“ zu schauen. Und allein, zu zweit eine Weile in den Wald oder über Feld und Flur zu gehen. Im Garten zu arbeiten. Denn bei aller berechtigten Sorge: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch“, deshalb: „Seid nüchtern und wacht!“  (1. Petrus 7,8)

Pfarrer Joachim Klein

 

                                              

Fürbitten                                                                                                               

Barmherziger Gott,  Du unser Schöpfer, Erlöser und Tröster,

Quelle des Lebens, der Freiheit und des Lichtes, Dich bitten wir:

 

Für die Goldenen Konfirmanden, die heute an Palmsonntag ihren Gottesdienst begehen wollten, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht!

Für alle, die sich für eine bessere Welt einsetzen, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht!

Für alle, die verzweifelt sind und denen der Mut zum Leben fehlt, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht!

Für alle, die Verantwortung tragen und die nach Lösungen für die Probleme unserer Zeit suchen, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht!

Für alle, denen Hasskommentare Angst machen und die sich um den Zusammenhalt in unserem Land sorgen, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht!

Für alle, die Ertrinkende im Mittelmeer retten und die auf sichere Häfen hoffen, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht!

Für alle, die in viel zu engen Flüchtlingslagern den Krankheiten dieser Tage schutzlos ausgesetzt sind, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht!

Für alle, die heute geboren werden und ihr Leben vor sich haben, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht!

Für alle, die in diesen Tagen sterben und durch das Dunkel des Todes hindurchgehen, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht!                  

Für alle Christinnen und Christen weltweit, die mit der Hoffnung auf die Auferstehung leben, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht!

Für alle Menschen guten Willens, die in diesen Tagen großes Vertrauen ineinander setzen, oder die in der Sprache und den Bildern ihrer eigenen Religion glauben, bitten wir: Gott, sei ihre Zuversicht!

Für uns, dass wir nicht verzagen, sondern mit Gottvertrauen tun, was wir tun können, bitten wir: Gott, sei unsere Zuversicht!

Besinnung und Gebet Judika 29. März 2020

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Evangelische Kirchengemeinde Uhingen am Sonntag Judika, 29. März 2020 (Download)

Statt Predigt eine Besinnung über Genesis (1. Mose) 18, 9-15

– ein Bibeltext der Fastenaktion „Zuversicht! - Sieben Wochen ohne Pessimismus“

 

Da sprachen die drei Männer zu Abraham: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, so dass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt! Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht – denn sie fürchtete sich. ……Und übers Jahr brachte Sara einen Sohn zu Welt und nannte ihn Isaak. Das heißt: Gott ließ mich lachen. (Gen 21,1-6)

 

Unerwartete Gäste mit unglaublicher Botschaft

Gäste haben, ein Festessen ausrichten – das findet in diesen Wochen nicht statt. Weil ein ungebetener Besucher uns heimsucht – das Virus Sars CoV-2.

Am Anfang haben wir noch halb ungläubig, halb erschrocken gelacht und Karikaturen gepostet um die heraufziehende Spannung irgendwie aufzubrechen. Jetzt bleibt uns das Lachen im Hals stecken. Das, was jetzt geschieht, das hätten wir uns niemals vorstellen können. Und was diese Pandemie mit uns macht und wie ein Danach aussieht, können wir uns auch nicht recht vorstellen.

*Werden wir trauriger, ärmer, schuldiger sein? Werden wir ängstlicher, abgeschotteter, und noch mehr voneinander getrennt sein?

*Werden wir bewusster, nachdenklicher, weniger oberflächlich sein? Werden wir echte Begegnungen, mitmenschliche Solidarität und gottesdienstliches Feiern wieder mehr schätzen und pflegen?

*Werden wir die Wahrnehmung, was alles an Unvorstellbarem anscheinend doch möglich ist, uns aufbewahren für ganz anderes, für ein ganz anderes Zusammenleben auf dieser Erde?

 

In der biblischen Geschichte, die von der Fastenaktion „Zuversicht – 7 Wochen ohne Pessimismus“ für diese Passionswochen ausgewählt wurde, geht ebenfalls um Unvorstellbares, doch in freundlicher, lebensverheißender Hinsicht. Im ersten Buch Mose, in den Geschichten von Abraham und Sarah, da wird von einem ganz und gar unerwarteten Besucher erzählt:

Gott selbst kommt in Gestalt von drei Männern zu Abraham und Sara. Mit vollendeter Gastfreundschaft nimmt Abraham die Fremden auf. Sara backt frisches Brot und Abraham schlachtet ein Kälbchen und tischt ein Festmahl auf. Die Männer haben Abraham etwas zu sagen. Sara lauscht hinter der Zeltwand. Und sie hört die Worte: „Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben.“

Als Sara das hört, muss sie lachen. Ein Kind bekommen, das hatte sie sich jahrelang vergeblich gewünscht. Doch inzwischen hatte sich die biologische Uhr zu weit gedreht. Jetzt noch schwanger werden, da kann sie nur lachen.

Ihr Lachen bleibt nicht unbemerkt. Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht, denn sie fürchtete sich.

Sara merkt. Jetzt wird es ernst. Und sie spürt etwas von der fremden Macht Gottes, die alles übersteigt, was wir uns vorstellen können. Hier zum Guten. Da, wo nach menschlichem Maß nichts mehr geht, da lässt Gott doch Leben wachsen. Schenkt Erfüllung. Überraschend und unglaublich.

Davon künden die drei Fremden. Wer sind sie? In der Kunst werden sie oft als drei Engel dargestellt, die bei Abraham zu Tisch sitzen. Denn Engel heißt nichts anderes als Bote. In der biblischen Zahlensymbolik steht die Zahl drei für das Himmlische. Christliche Bibelausleger haben die drei fremden Gäste zum einen als die Dreieinigkeit Gottes gedeutet. Denn in dem Text ist einmal von Gott, dem Herrn, als Einzelperson die Rede und dann wieder von den drei Männern, die zu Abraham gekommen sind. Dann gibt ja aber auch die drei große biblische Engelsgestalten: Michael, Gabriel und Raphael. In der Kirche St. Michael in Lienz gibt es einen Altar, der das Wirken dieser drei Engel darstellt. Und über diesen drei großen Engeln sind in Gestalt von kleineren Engeln die drei göttlichen Gnadengaben abgebildet: nämlich Glaube, Hoffnung, Liebe.

Jetzt in dieser Zeit, wo wir unsere Türen zuhalten, sollten wir sie doch einen Spaltbreit öffnen für die Boten Gottes und für ihre Gaben von Glauben und Liebe und Hoffnung. Denn das brauchen wir.

Die Hoffnung, dass wir durch diese Tage und Wochen kommen. Und dann wieder miteinander in größerer Gemeinschaft am Tisch sitzen, essen und trinken und auch wieder Abendmahl feiern am Tisch des Herrn. So wie Abraham mit Gott und seinen Boten getafelt hat.

Den Glauben, dass Gott selbst uns besucht mit seiner Kraft, seinem Trost und seiner ganzen Unglaublichkeit. So wie er zu Abraham und Sara kam, als sie schon die Hoffnung aufgegeben hatten auf ein Kind.

Den Glauben, dass wir in guten wie in schlimmen Zeiten von Gott gehalten und getragen sind, auch wenn wir es nicht immer spüren oder glauben können.

Und die Liebe, dass wir als Gemeinde einander beistehen und in der Liebe Gottes untereinander verbunden bleiben, damit die Liebe Gottes immer wieder neu zur Welt kommen kann.

 

Glaube, Liebe, Hoffnung und Gottes unglaublichen Beistand wünsche ich uns – Ihre Pfarrerin Martina Rupp

 

Fürbitte

Dreieiniger Gott,
Im Glauben an deine Macht, der Unmögliches möglich ist,
hat Jesus geheilt.
Hilf du nun allen Kranken. Gib den Ärzten und Pflegenden Kraft.
Ermutige alle hilfreichen Menschen.
Lass diese schlimme Krankheitszeit zu Ende gehen. 
Aus Liebe hat Jesus das Leiden und den Tod auf sich genommen um uns nahe zu sein in dunklen Stunden.
Hilf uns in unseren Ängsten. Behüte uns vor dem Schlimmsten.
Da, wo Menschen sterben müssen, stehe ihnen bei
und bewahre sie in deiner Liebe in Ewigkeit. 

Voll Hoffnung hat Jesus dein Reich der Liebe und Gerechtigkeit verkündet.
Gib deine Gerechtigkeit in unsere Welt, dass diejenigen Hilfe bekommen, die in wirtschaftliche Not geraten. Erneuere uns und unsere Welt nach deinem Willen. Darum bitten wir im Namen Jesu, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und wirkt in Ewigkeit.  Amen

Besinnung und Gebet Lätare 22. März 2020

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Evangelische Kirchengemeinde Uhingen

Besinnung für den Sonntag Lätare, 22. März 2020 (Download)

Wochenspruch: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Johannes 12,24)

 

Bibeltext zur Fastenaktion „Zuversicht!  - Sieben Wochen ohne Pessimismus“ aus Exodus (2. Mose) 14, 9-13 in der „Einheitsübersetzung“: „Fürchtet euch nicht!“                                                 
9 Die Ägypter jagten mit allen Pferden und Streitwagen des Pharao, mit seiner Reiterei und seiner Streitmacht hinter ihnen her und holten sie ein, als sie gerade am Meer lagerten. Es war bei Pi-Hahirot vor Baal-Zefon. 10 Als der Pharao sich näherte, blickten die Israeliten auf und sahen plötzlich die Ägypter von hinten anrücken. Da erschraken die Israeliten sehr und schrien zum HERRN. 11 Zu Mose sagten sie: Gab es denn keine Gräber in Ägypten, dass du uns zum Sterben in die Wüste holst? Was hast du uns da angetan, uns aus Ägypten herauszuführen? 12 Haben wir dir in Ägypten nicht gleich gesagt: Lass uns in Ruhe! Wir       wollen Sklaven der Ägypter bleiben; denn es ist für uns immer noch besser, Sklaven der Ägypter zu sein, als in der Wüste zu sterben. 13 Mose aber sagte zum Volk: Fürchtet euch nicht! Bleibt stehen und schaut zu, wie der HERR euch heute rettet! Wie ihr die Ägypter heute seht, so seht ihr sie niemals wieder.

 

Besinnung:

Liebe Gemeinde,

wer hätte noch vor Tagen gedacht, dass wir heute in dieser Situation sind? Wie die Israeliten bangen wir um Rettung und Heilung  - vor einer Gefahr, die unsichtbar heranrollt. Und wir merken plötzlich, wie wichtig es wird, „auf Distanz“ zusammen zu stehen, „auf Abstand“ Gemeinschaft zu sein  - auch heute an diesem Sonntagmorgen, alleine, zu zweit, zu dritt. Zuhause. Und das Jesus-Worte wird wahr: „Wo zwei oder drei...“  Hat nicht Jesus sogar gesagt, es ist gut, „im Stillen Kämmerlein“ zu beten?

Was die Israeliten beim Auszug aus Ägypten schon kurz nach der dramatischen „Nacht der Nächte“, dem Passah, erleben, erschüttert sie tief. Denn alles steht in Frage: Das versprochene Land, die eigene Unversehrtheit und die Hoffnung, auf die sie sich mit Leib und Seele einließen, alles verließen und überhastet aufbrachen aus der Sklaverei. „Gab es denn keine Gräber in Ägypten, dass du uns zum Sterben in die Wüste holst?“, werfen sie Mose entgegen, als das hochgerüstete Militär des Pharao von hinten heranrollt  -  vor ihnen nur noch das Meer...  

Das Versprechen des einen, unsichtbaren Gottes, der sich am leuchtenden Dornbusch dem Mose gezeigt hatte, steht plötzlich in Frage. Jetzt schweigt Gottes Stimme, die doch in 2. Mose 3 so berührend gesagt hatte: Ich habe genau gesehen, wie mein Volk in Ägypten unterdrückt wird. (...) Ich weiß, wie sehr es leiden muss, und bin herabgekommen, um es von seinen Unterdrückern zu befreien.“  Warum greift Gott jetzt nicht ein? Wohin führt das alles? Wofür soll das nur gut sein?

Das sind Fragen, die auch uns bedrängen angesichts der heranrollenden Wucht einer Art Naturkatastrophe, die eingebettet ist in Gottes eigentlich doch „gute“ Schöpfung.

Was wir in 2. Mose 14 lesen, ist der Karfreitags-Moment des Volkes Israel, der Verlassenheits-Schrei und Tiefpunkt jüdischen Glaubens: Der eine, unsichtbare Gott, der sich dem geflüchteten Totschläger und adoptierten ägyptischen Prinzen Mose, dem Hirten mit hebräischen Wurzeln am leuchtenden Dornbusch zeigt; der, dessen Stimme sich dort hören lässt, der schweigt  - und greift (zunächst) nicht ein. Und wie bei uns heute ist der starke Reflex: „Zurück! Zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens!“  Wie oft und wie gerne möchten wir oft zurück:

  • Zurück in die corona-freie Ziet

  • Oder zurück in eine Zeit, in der alles langsamer war  -  in eine Welt, die mehr ‚haptisch‘ war, so, dass alles direkt berührt werden konnte; eine Zeit voller harter, aber wertvoller Arbeit

  • Oder auch zurück in unsere Kindheit, in die Jugend, in eine vergangene Zeit, die uns in Nostalgie überrollen und einhüllen kann, so dass wir denken: Ach, wie schön war das!

Und dann merken wir: Das geht nicht. Oder auch: Das war gar nicht so gut. Oder: Das, was jetzt ist, hat seine guten Seiten...   Ist nicht auch manche neuere politische Entwicklung ein grundlegend falsch verstandenes ‚Zurück‘? Und somit mehr falsche Nostalgie als wirkliche Vision?

Mose weist entschieden aufs ‚Heute‘ hin. Er spricht vom ‚Jetzt‘  - und nicht von Vergangenem oder einer fernen Zukunft. Mose verpflichtet die Wahrnehmung der Israeliten auf das „Hier und Jetzt“ – und das ist seine Antwort auf ihre tief sitzenden Zweifel. „Fürchtet euch nicht! Bleibt stehen und schaut zu, wie der HERR euch heute rettet! Wie ihr die Ägypter heute seht, so seht ihr sie niemals wieder!“

"Schaut zu, wie der HERR euch rettet!" Das ist ein Satz, der einen begleiten kann. Durch die Stunden und durch die Tage - und auch durch die kommenden Wochen. Und ‚heute‘ reicht:

Wo ist das, was mir ‚jetzt‘ hilft? Wo geschieht jenes, was mich an diesem einen Tag heute ‚rettet‘?

Manchmal ist es ein Moment, eine Momentaufnahme:

 

  • Auf der Fußgängerbrücke der Fils stehen und für einen Moment das frische Wasser aus der Alb genießend, das nach langem Regen mitten in Uhingen fast so riecht wie in den Alpen

  • Den Menschen bei und neben mir, den Mann, die Frau, die Freundin oder der Freund, das Kind in meiner Nähe, der mir heute anvertraute Jugendliche, die Mitwirkende in der Gemeindegruppe, den Nachbarn und die Nachbarin über Balkon und Fenster hinweg anders sehen - wahrnehmen, wie wichtig und wie gut, wie einzigartig gerade dieser Mensch ist – und wie schön, dass er mein Leben reich macht

  • Im Laden an der Kasse, zwischen Hamsterkäufen und leeren Regalen das entspannte und immerzu freundliche Gesicht der Kassiererin wahrnehmen, das allen signalisiert: Es wird gut!

  • Sich freuen über einen Telefonanruf, der unverhofft die Einsamkeit des Tages unterbricht – und in dieser Zeit jetzt wie ein starker Lichtpunkt ist, von dem aus sich leben lässt: Wieder eine wohl bekannte, warme und vertraute Stimme hören! Jemand, der nach mir fragt!

 

„Wie ihr die Ägypter heute seht, so seht ihr sie niemals wieder!“ Ob wir das auch mal über jenes ‚Virus‘ sagen? Ganz sicher werden wir als Menschheit, als Kulturen und Länder, auch als Religionen und besonders als Kirche daraus lernen: Lernen, was das Leben wertvoll, einmalig und wunderbar macht. Lernen, die Gegenwart zu sehen, das harte und nahrhafte Brot dessen, was uns heute entgegenkommt. Wie wichtig das ist - und wie ausreichend. „Der Zufall ist das Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will“, sagte Albert Schweitzer einmal. Eine Mitarbeitende unserer Kirchengemeinde sandte mir diese Tage ein wunderbares Bild mit einem wertvollen Gedicht zu  - mit dem Titel:   

Nicht alles ist abgesagt          

                                    Sonne ist nicht abgesagt

                                    Frühling ist nicht abgesagt

                                    Beziehungen sind nicht abgesagt

                                    Liebe ist nicht abgesagt

                                    Lesen ist nicht abgesagt

                                    Zuwendung ist nicht abgesagt

                                    Musik ist nicht abgesagt

                                    Phantasie ist nicht abgesagt

                                    Freundlichkeit ist nicht abgesagt

                                    Gespräche sind nicht abgesagt

                                    Hoffnung ist nicht abgesagt

                                    Beten ist nicht abgesagt...

 

In diesem Sinne: Uns allen einen schönen Sonntag!                       Pfarrer Joachim Klein

 

Fürbitten                                                                                                                  März 2020

Wir beten vor dem Hintergrund der momentan sich weltweit ausbreitenden

Epidemie mit Hilfe von Worten des lutherischen Weltbundes.

 

O Gott, unser Heiland, zeige Dein Erbarmen für die ganze Menschheitsfamilie, die gerade in Aufruhr ist und beladen mit Krankheit und Angst.   -   Höre unser Rufen, Gott: „Erbarme Dich!“

 

Komm uns zur Hilfe, nun, da sich der Coronavirus auf der ganzen Erde ausbreitet. Heile die, die krank sind, unterstütze und beschütze ihre Familien, Angehörigen und Freunde vor Ansteckung.

Höre unser Rufen, Gott: „Erbarme Dich!“

 

Schenk uns deinen Geist der Liebe und Besonnenheit, auf dass wir zusammenwirken, um die Ausbreitung des Virus und seine Wirkungen einzuschränken und zum Erliegen bringen zu

können.   -   Höre unser Rufen, Gott: „Erbarme Dich!“

 

Mach uns wach, aufmerksam und vorausschauend im Blick auf die Bekämpfung von Krankheiten überall: die Malaria, das Dengue-Fieber, die HIV-Krankheit und die vielen anderen Krankheiten, die bei Menschen Leid verursachen und für etliche tödlich enden.

Höre unser Rufen, Gott: „Erbarme Dich!“

 

Heile unsere Selbstbezogenheit und unsere Gleichgültigkeit, wo wir uns nur dann sorgen, wenn wir selbst vom Virus oder anderem Leid getroffen sind. Eröffne uns Wege, aus unserer Zaghaftigkeit und Furcht hinaus, wenn unsere Nächsten für uns unsichtbar werden.

Höre unser Rufen, Gott: „Erbarme Dich!“

 

Stärke und ermutige die, die im Gesundheitswesen, in Praxen und Krankenhäusern, Pflegeeinrich-tungen und anderen Bereichen der Medizin arbeiten: Pflegende, Fürsorgende, Ärztinnen und Ärzte, Klinikseelsorgerinnen und -seelsorger, Mitarbeitende in Krankenhäusern  - alle, die sich der Aufgabe widmen, für Kranke und ihre Familien zu sorgen.  -  Höre unser Rufen, Gott: „Erbarme Dich!“

 

Inspiriere die Forschenden, die an Impfstoffen, Medikamenten und der Herstellung medizinischer Ausstattung arbeiten. Gib ihnen Erkenntnisse und Weitblick.

Höre unser Rufen, Gott: „Erbarme Dich!“

 

Erhalte die Menschen, deren Arbeit und Einkommen durch Schließungen, Quarantänen, geschlossene Grenzen und andere Einschränkungen bedroht sind. Beschütze alle, die reisen müssen. Sei Du bei den Kindern und Jugendlichen, die in diesen Tagen oft sich selbst überlassen sind.  -  Höre unser Rufen, Gott: „Erbarme Dich!“

 

Leite die politisch Verantwortlichen, dass sie die Wahrheit sagen und danach handeln. Halte die Ausbreitung von Falschinformation und Gerüchten zurück. Hilf, dass Gerechtigkeit waltet, sodass allen Menschen auf der Erde Heil und Heilung erfährt.  -  Höre unser Rufen, Gott: „Erbarme Dich!“

 

Heile unsere Welt. Heile unsere Körper. Stärke unsere Herzen und Sinne. Und in der Mitte des Aufruhrs gib uns Hoffnung und Frieden.   -  Höre unser Rufen, Gott: „Erbarme Dich!“

 

In deinen gnädigen Armen halte alle, die gestorben sind und die in dieser Zeit sterben werden. Tröste ihre Hinterbliebenen, tröste die, die verzweifelt sind. Gedenke deiner Familie, der ganzen Menschheit, und deiner ganzen Schöpfung, in deiner großen Liebe.

Höre unser Rufen, Gott: „Erbarme Dich!“